Mitte November hatte ich die Gelegenheit, einen ganzen Tag lang an der Beringungsstation Mettnau der Vogelwarte Radolfzell zu verbringen und das Team bei der wissenschaftlichen Vogelberingung zu begleiten. Dieser Besuch ermöglichte mir nicht nur einen unmittelbaren Einblick in die praktische Arbeit vor Ort, sondern auch ein vertieftes Verständnis dafür, welche Bedeutung diese Station für die langfristige Vogelforschung in Mitteleuropa hat. Die Mettnau ist Teil eines internationalen Monitoringsystems, dessen Ziel es ist, anhand standardisierter Fang- und Erfassungsmethoden belastbare Daten über Zugverhalten, Populationsentwicklungen und den Gesundheitszustand von Vögeln zu gewinnen.
Die wissenschaftliche Vogelberingung bildet dabei eine zentrale Grundlage. Durch die individuelle Kennzeichnung der Vögel und die systematische Erhebung morphologischer und physiologischer Daten lassen sich Veränderungen erkennen, die mit bloßer Beobachtung nicht erfassbar wären. Insbesondere im Kontext des Klimawandels, der fortschreitenden Lebensraumveränderungen und veränderter Zugrouten liefern die an der Mettnau erhobenen Daten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis ökologischer Zusammenhänge. Dass diese Datensätze über Jahrzehnte hinweg vergleichbar bleiben, ist das Ergebnis streng definierter Abläufe und einer außergewöhnlich sorgfältigen Arbeitsweise.
In diesem Beitrag erzähle ich dir mehr von meinen Erlebnissen auf der Beringungsstation Mettnau und von den genauen Arbeitsabläufen. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!

Halbinsel Mettnau sympathisch.
Inhalt
Die Vogelwarte Radolfzell
Die Geschichte der Vogelwarte Radolfzell hat ihre Wurzeln bei der Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung (heute Rybatschi, Russland), die 1901 von der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft als erste wissenschaftliche Vogelberingungsstation weltweit eingerichtet wurde. Im Zweiten Weltkrieg musste sie jedoch aufgegeben werden, und ihre Bestände – darunter wissenschaftliches Material, Sammlungen und Daten – wurden in verschiedenen Lagern gesichert. Nach Kriegsende 1946 wurde alles an einem neuen Standort im Wasserschloss Möggingen bei Radolfzell für eine Fortsetzung der Vogelwarte zusammengetragen, die ab sofort als „Vogelwarte Radolfzell“ bekannt wurde.
1959 übernahm die Max-Planck-Gesellschaft formell die Trägerschaft der Vogelwarte Radolfzell und gliederte sie in das damals neu gegründete Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie ein. Die Vogelwarte trug maßgeblich zur Entwicklung der modernen Ornithologie in Deutschland bei. Es gab in den folgenden Jahrzehnten mehrere Umstrukturierungen – vom Max-Planck-Institut für Ornithologie bis der Standort Radolfzell 2019 schließlich dem Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie mit Sitz in Konstanz zugeordnet wurde.
Die historische Bezeichnung „Vogelwarte Radolfzell“ ist nun kein formeller Institutsname mehr, sondern fungiert heute als Beiname der „Zentralen für Tiermarkierung“, der fachlichen Beringungszentrale für Süddeutschland, Berlin und weitere Gebiete.


Beringungsstation Mettnau
Die Zentrale für Tiermarkierung stellt sozusagen die Brücke zwischen Feldarbeit und wissenschaftlicher Auswertung dar. Eine Schlüsselrolle nimmt hierbei Dr. Wolfgang Fiedler ein, den ich bei meinem Hospitationstag auch kennenlernen und bei der Arbeit beobachten konnte. Er leitet die Zentrale und forscht inhaltlich insbesondere zu Phänologie und Mechanismen des Vogelzugs – also zur Frage, wann und wie Vögel wandern und welche Konsequenzen das für Fitness, Ökologie und Schutzstrategien hat.
Die Beringungsstation Mettnau spielt insofern eine sehr wichtige Rolle, indem sie eng mit dem MRI-Ansatz (Mettnau-Reit-Illmitz) verknüpft ist, der von 1971 bis 2008 als Langzeitprogramm zum Kleinvogel-Durchzug betrieben wurde und seit 2022 bis 2025 in einer angelehnten Neuauflage von Dr. Wolfgang Fiedler erneut umgesetzt wird, um Veränderungen im Durchzugs- und Rastverhalten mit den früheren Datensätzen zu vergleichen.

Von Japannetzen und Kontrollgängen
Mein Tag auf der Beringungsstation begann um 7:15 Uhr, als mich Dr. Wolfgang Fiedler, die Biologiestudentin Mariya und zwei Helfer in Empfang nahmen. Zuerst wurden mir die Örtlichkeiten gezeigt und alle Abläufe noch einmal genau erklärt. Und dann ging es auch schon los!
Die Arbeit wird mit Hilfe von Japannetzen durchgeführt und um diese dreht sich der komplette Tagesablauf. Diese Netze sind aus sehr feinem, dunklem Material gefertigt und für Vögel im Flug kaum sichtbar. Fliegt ein Vogel in ein solches Netz, bleibt er nicht abrupt hängen, sondern rutscht in eine der Netztaschen, wo er sich verheddert. Die Netze sind auf einer Länge von knapp 500 Metern im Gebüsch und in der Schilfzone am Bodensee aufgespannt. Sie werden nach festen zeitlichen Vorgaben kontrolliert, in der Regel mindestens einmal pro Stunde und beim ersten Kontrollgang um 8 Uhr konnte ich direkt mit. Was war ich aufgeregt!
Bei Regen oder Hitze erfolgen die Kontrollen natürlich häufiger, damit die Vögel nicht unnötig lange in den Netzen hängen müssen. Systematisch sind wir im Team die Netze auf der kompletten Länge abgeschritten, das bedeutet 500 Meter Hinweg und 500 Meter Rückweg. Und unterwegs wird Netztasche einzeln geprüft, auch die untersten Bereiche, in denen kleine Vogelarten leicht übersehen werden könnten.

Die Vögel werden befreit
Wird ein Vogel im Netz entdeckt, erfolgt die Entnahme sofort. Dabei wird der Vogel vorsichtig aus dem Netz gelöst, indem die Netzschlaufen vom Vogelkörper gelöst werden. In seltenen Fällen, in denen ein Vogel besonders stark verfangen ist, steht spezielles Werkzeug bereit, um notfalls einzelne Netzfäden zu durchtrennen – stets mit dem Ziel, die Unversehrtheit des Vogels zu gewährleisten.
Anschließend wird jeder Vogel einzeln in ein Baumwollsäckchen gesetzt und ein kleiner Zettel beigefügt, auf dem Netznummer, Netzfach und Einflugseite vermerkt sind. Für mich war dieser erste Schritt am sehr spannend, da man zügig und dennoch sehr sorgfältig handeln musste. Wie Mariya die Vögel aus dem Netz befreit hat, war absolut faszinierend. Ebenfalls sehr interessant war, wie ruhig die Vögel im Netz auf ihre Befreiung „warten“, sofern sie zeitnah entnommen werden. Genau deshalb sind die regelmäßigen Kontrollen so wichtig. So wird sichergestellt, dass kein Vogel über längere Zeit im Netz verbleiben muss und unnötigem Stress oder Witterungseinflüssen ausgesetzt ist.






Die eigentliche Untersuchung auf der Vogelwarte
Nach dem Rundgang geht’s zurück in der Vogelwarte. Bis zum abschließenden Schritt verbleibt jeder Vogel in seinem eigenen Baumwollsäckchen, in dem er sich geschützt fühlt. Nun ist jeder Vogel einzeln an der Reihe, wird nacheinander aus dem Netz befreit und die eigentliche Untersuchung beginnt. Die Daten werden direkt am Computer eingegeben, parallel zur Untersuchung des Vogels. Dadurch werden Übertragungsfehler und Verwechslungen mit den folgenden Vögeln vermieden. Bei jedem Vogel, der an der Station im Netz landet, wird ein standardisierter Datensatz erhoben. Das ist unabhängig davon, ob er zum ersten Mal oder schon merhfach untersucht wurde.
- Ringnummer
- Vogelart
- Alter und Geschlecht (sofern sicher bestimmbar)
- Datum, Uhrzeit und die Infos zum Netz, die auf dem kleinen Zettel notiert wurden
- Gewicht
- eingelagerte Fettreserven
- Zustand der Flugmuskulatur
- Mauserstatus
- Federlänge der dritten Handschwinge von außen
- Verletzungen, Farbabweichungen oder sichtbare Auffälligkeiten
Die Beringung auf der Vogelwarte
Falls ein Vogel noch keinen Aluminium-Ring am Bein hat, wird dieser zum Schluss noch mit einer speziellen Ringzange angebracht. Das tut dem Vogel selbstverständlich nicht weh. Es gibt Ringe in verschiedenen Größen, sodass für jede Vogelart der ideale Ring zur Wahl steht. Jeder Ring ist mit einer individuellen Nummer versehen, sodass der Vogel von nun an jederzeit identifiziert und in den Datensätzen gefunden werden kann – auch wenn er an völlig anderen Orten auftaucht.



⚠️ Wichtiger Hinweis: Das Fangen und Beringen von Vögeln wird ausschließlich von geschulten und autorisierten Personen unter Aufsicht des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie durchgeführt. Allen anderen Personen, die keine Beringungsgenehmigung besitzen, ist esgesetzlich verboten, wildlebende Vögel zu fangen.
Wenn du dich für das Thema interessierst und du im Jahr 2026 gerne auf der Beringungsstation helfen oder dich zur*m Beringer*in ausbilden lassen möchtest, findest du hier weitere Informationen.

Dein Besuch auf der Halbinsel Mettnau
Die Halbinsel Mettnau am Untersee des Bodensees gehört zu den ältesten Naturschutzgebieten Deutschlands und zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Vielfalt an Vogelarten und Beobachtungsmöglichkeiten aus. Sie erstreckt sich rund 3,5 Kilometer in den See hinein und umfasst eine Fläche von etwa 140 Hektar. Der Großteil wurde zum Schutzgebiet erklärt und wird heute überwiegend vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) betreut. Der Schutzstatus zielt darauf ab, störungsfreie Lebensräume insbesondere für Wasservögel und Durchzügler bereitzustellen.
Lebensräume und Beobachtungsmöglichkeiten
Die landschaftliche Struktur der Halbinsel Mettnau ist sehr vielfältig. Sie reicht von Flachwasserzonen über Schilf- und Riedbereiche bis zu Auwäldchen und offenen Wiesen. Diese Übergangsbereiche zwischen Land und Wasser schaffen ideale Bedingungen für unterschiedliche Vogelgruppen, da sie Nahrungsangebot, Brutplätze und Ruhebereiche kombinieren. Der flache Untersee mit seinen nährstoffreichen Uferbereichen zieht insbesondere im Herbst und Winter große Wasservogelzahlen an. Im Frühling und Sommer können in den Schilf- und Riedzonen Brutvögel beobachtet werden. Entsprechend findet sich auf der Mettnau eine Artenzusammensetzung, die sich saisonal stark unterscheidet.
Wenn du zur Vogelbeobachtung zur Halbinsel Mettnau kommen möchtest, gibt es mehrere Möglichkeiten. Der Mettnau-Turm, ein 18 Meter hoher Aussichtsturm aus Holz, bietet einen weiten Überblick über den Untersee und die umliegenden Feuchtgebiete. Von seiner Plattform aus lassen sich rastende Wasservögel über größere Entfernungen beobachten. Von hier aus kannst du bis zur Mettnauspitze spazieren. Diese ist jedoch in der Zeit vom 15. April bis zum 31. August gesperrt, um die Brutaktivitäten seltener Arten nicht zu beeinträchtigen.


Artenvielfalt – Brutvögel, Durchzügler und Wintergäste
Die ornithologische Bedeutung der Halbinsel Mettnau zeigt sich in der hohen Anzahl an Vogelarten, die über Jahrzehnte hinweg dokumentiert wurde. Historische Beobachtungen belegen, dass über 140 Vogelarten auf der Halbinsel festgestellt wurden, darunter sowohl Brutvögel als auch Zugvögel. In den Flachwasserbereichen und am Riedufer sind regelmäßig Wasservögel wie Schwarzhalstaucher, Zwergtaucher, Haubentaucher, Kolbenenten, Reiherenten, Schnatterenten und Tafelenten zu beobachten. Besonders in den Wintermonaten können diese Arten in großer Zahl auftreten.
In den Schilf-, Ried- und Gebüschzonen des Schutzgebiets brüten außerdem eine Reihe typisch mitteleuropäischer Singvögel und Rallen. Die Strukturvielfalt der Landschaft ermöglicht darüber hinaus auch Beobachtungen von Greifvögeln und Limikolen, die je nach Saison und Wasserstand variieren.





Mein Besuch auf der Vogelwarte – Fazit
Während meines Aufenthalts wurde mir deutlich, wie eng wissenschaftliche Präzision und Verantwortung gegenüber den Tieren miteinander verbunden sind. Jeder Arbeitsschritt folgt klaren Vorgaben, die sowohl den Schutz der Vögel als auch die Qualität der Forschung sicherstellen. Vom Öffnen der Netze über die Untersuchung bis zur Dateneingabe. Für mich war es eine besondere Erfahrung, diese Arbeit nicht nur theoretisch nachzuvollziehen, sondern aktiv miterleben zu dürfen. Die Möglichkeit, die Arbeit der Vogelwarte Radolfzell aus dieser Nähe kennenzulernen, ist für mich ein großes Privileg. Insbesondere vor dem Hintergrund, welch große Bedeutung solche Stationen für den langfristigen Naturschutz und die ornithologische Forschung haben.
Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dr. Wolfgang Fiedler für die Einladung und bin sehr fasziniert von den einzigartigen Einblicken in ihre Arbeit.
Hat dir der Beitrag geholfen?
Unmengen Kaffee sorgten beim Schreiben dieses Beitrags für gute Ideen und kreative Geistesblitze. Damit ich gestärkt weiter schreiben kann, freue ich mich riesig über einen virtuellen Kaffee. ☕︎

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren:
Baden-Württembergs Süden: Die schönsten Orte zur Vogelbeobachtung – Ausflüge ins Grüne
Wintervögel in Deutschland: Heimische Vogelarten erkennen und beobachten
Werbung, unbeauftragt! – Dies ist ein redaktioneller Beitrag, ich wurde von keinem Unternehmen dazu beauftragt.